Kolle – Kollektiv Leben Frankfurt am Main – mit schneideroelsen

KOL

Programm Gemeinschaftliches Wohnen
Status — Fertigstellung 2025
Fläche — 3.370m² BGF

 

Kolle ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt für 42 Bewohner*innen mit Coworking Space, einer Beratungsstelle sowie Kreativwerkstätten im Erdgeschoss

Auch in zweiter Reihe kann ein dritter Ort geschaffen werden, der sich dem Quartier öffnet und Aneignung ermöglicht. Auch in den schwierigen Rest-Lagen zwischen Verkehrsinfrastruktur und Wohnbebauung kann qualitätvolles Wohnen entstehen – das zudem sozial und bezahlbar ist.

Wird die übliche Marktlogik hinterfragt, kann überraschender Mehrwert entstehen. Rücksicht auf die bestehende Nachbarbebauung wurde bei KOLLE ein entwurfstreibender Faktor, der einen Verzicht auf Flächen in einen Reichtum an Flächen und Beziehungen umdeutete. Eine unkonventionelle Detaillierung und Materialisierung bedeutet hier nicht minderwertige Gebäudequalität sondern ermöglicht einen differenzierten Baukörper, großzügige Freiflächen, eine hochwertige, effiziente und dauerhafte Gebäudehülle mit großen Fenstern zu einer aktuell in Frankfurt im Neubau unerreicht niedrigen Miete.

KOLLE ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt in Frankfurt-Griesheim mit 16 Wohnungen, Gemeinschafts- und Veranstaltungsräumen, Co-Working, Werkstätten und einer Beratungsstelle auf einem städtischen Erbpachtgrundstück. Die Stadt Frankfurt am Main vergibt seit einigen Jahren einen Teil ihrer Wohnungsbau-Grundstücke über sogenannte Konzeptverfahren – oftmals die schwierig zu vermarktenden mit planerischen Einschränkungen oder Herausforderungen. In diesen Ausschreibungen wird nicht der Bieter mit dem höchsten Gebot, sondern die Initiative mit dem besten Konzept für den Ort und der positivsten Wirkung für das Quartier und den Mietmarkt gesucht. Das gemeinschaftliche Wohnprojekt KOLLE erhielt 2019 für die Liegenschaft in der Schöffenstraße in Frankfurt-Griesheim den Zuschlag und durfte anschließend das Grundstück im Rahmen einer betreuten Anhandgabe bis zur Baugenehmigung beplanen und parallel die Finanzierung sicherstellen, bevor der Pachtvertrag unterschrieben wurde.

Der fünfgeschossige Baukörper wurde in zweiter Reihe zwischen einer straßenbegleitenden Wohnbebauung der 50er-Jahre und der nur 50 m entfernten A5 auf einer zuvor ungenutzten Brache errichtet. Die bisher exponierten Vorderhäuser werden vom Neubau gegen den Lärm der Autobahn abgeschirmt, gleichzeitig wird das maximal mögliche Gebäudevolumen im Süden durch einen Einschnitt reduziert, um die Belichtung und Besonnung des Bestandes über die reine Einhaltung von Abstandsflächen hinaus zu gewährleisten.

Die Zufahrt erfolgt im Norden über einen kleinen Stichweg. Durch zusätzliche Fahrradstellplätze, öffentliche Lastenräder und Car-Sharing konnte die hier geforderte Anzahl an PKW-Stellplätzen erheblich reduziert werden. Im Südwesten wird ein nicht bebaubarer Grundstücksteil zwischen den bestehenden Wohngebäuden zu einem Pocket Park für alle Anlieger aufgewertet, über den die fußläufige Erschließung des Neubaus erfolgt.

Das Erdgeschoss richtet sich mit barrierefreien Miet- und Nutzungsangeboten auch an die Quartiers- und Stadtgesellschaft. Es gibt Werkstätten, Kreativräume, Räume für Sozial-Beratung, Co-Working mit Besprechungsraum sowie einen Multifunktionsraum für Veranstaltungen. Die Hausgemeinschaft verzichtet auf eine Einfriedung und macht das gesamte Grundstück in einer Abfolge privater werdender Außenräume der Öffentlichkeit zugänglich.

In den Obergeschossen liegen die Wohnungen und privaten Räume der Hausgemeinschaft. Durch ein Absenken des Erdgeschosses konnte trotz großzügiger Geschosshöhen ein zusätzliches Wohngeschoss realisiert werden. Jede Person bewohnt ein Individualzimmer von ca. 16 m², die Wohnungen bestehen aus 2-5 Individualzimmern, die sich um eine Küche gruppieren. Dabei können die Wohneinheiten untereinander zu größeren Wohngemeinschaften verschaltet und auch wieder getrennt werden, Schaltzimmer können die Wohnung wechseln; die Struktur flexibilisiert damit Lebensentwürfe und -konstellationen.

Eine differenzierte Höhenstaffelung des Gebäudes schafft vielfältige, gemeinschaftliche Außenräume auf allen Ebenen – die Verflechtung der außenliegenden Erschließung mit über das Gebäude verteilten gemeinschaftlichen Nutzungen vom Gemeinschaftsraum mit Terrasse, Außenküche und Waschküche im 2. OG über Dachgärten und Sauna bis zur großen Dachterrasse mit Blick auf die Frankfurter Skyline und den Taunus schafft vielfältige Begegnungsräume für die Mitglieder der Hausgemeinschaft. Durch die Erweiterung des Wohnens über die eigene Wohneinheit hinaus, konnte der Wohnflächenverbrauch je Person deutlich unter den städtischen Durchschnitt auf 32 m² reduziert werden, ohne dass das Wohnen beengt erscheint.

Aufgrund der hohen Schallschutzanforderungen konnte das Gebäude nur als Massivbau sinnvoll errichtet werden. Tragende Bauteile aus Stahlbeton und nichttragende aus Kalksandstein bleiben in Ihrer Materialität erfahrbar – auf Bekleidungen wie Putz oder Trockenbau wurde zugunsten niedrigerer Baukosten nahezu vollständig verzichtet; lediglich in den privaten Rückzugsräumen wurden die KS-Wände verputzt. Für den Bodenbelag wurden günstige Kautschuk-Restposten erworben. Während die Gemeinschaftsflächen durch eine intensivere Farbigkeit ablesbar werden, sind die Wohnungen in dezenten Tönen differenziert nach Etage und Gebäudeteil gehalten, um eine intuitive Orientierung im Gebäude zu erleichtern.

Geheizt wird das Gebäude über eine Wärmepumpe mit einem Gas-Brennwert-Spitzenlastkessel und Pufferspeicher. Den Strom liefert eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach.

KOLLE ist selbstverwaltet und Mitglied im Solidarverbund des Mietshäuser Syndikats, wodurch sichergestellt wird, dass das Gebäude in der Hand seiner Bewohner*innen und der Spekulation enthoben bleibt. Die 16 Wohneinheiten verfügen über 60 % geförderte und 40 % frei finanzierte Wohnplätze zu Mieten von 10,30 € bzw. 14,90 €/m² (Stand 2026) – dies zu einer Zeit, in der Genossenschaften ihre Neubau-Tätigkeit in Frankfurt weitgehend eingestellt haben, da es selbst ihnen kaum mehr gelingt, Quadratmeter-Mieten von unter 20 € zu erreichen.

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